Dr. med. Georg Harrer MD (A) | Propriozeption - Der Schlüssel zur Diagnose

Quelle: Osteopathie Schule Deutschland, Osteopathie Kongress 2013 zum Thema Faszien & Osteopathie - Abstracts -

 

Der grösste Sinn des Menschen ist die Propriozeption, die Eigenwahrnehmung. Sie ist nur schwer von der Nocizeption und der Oberflächenwahrnehmung abgrenzbar. Etwa die Hälfte aller Nervenfasern, Afferenzen genannt, dient dieser Wahrnehmung des eigenen Körpers. Die Sinnesorgane selbst sind aber Teil der Faszie. In letzter Konsequenz messen alle Propriozeptoren Formveränderungen der Faszie, sind also Mechanorezeptoren. Diese Messergebnisse werden dann über Nervenfasern zum zentralen Nervensystem geleitet.

Die Wissenschaft unterscheidet heute Organe für die Wahrnehmung von Faszien des Bewegungsapparates und der Eingeweide einerseits und Organe für die Wahrnehmung an Oberflächen. Über Kleidung, Verbände und dergleichen kann dieser Obeflächensinn sekundär für die Propriozeption genutzt werden. Der Schmerzsinn Nocizeption hat seinen Sitz ebenfalls in der Faszie. Die sogenannten freien Nervenendigungen, die eine Gewebsschädigung als Schmerz erfassen, werden exklusiv in bindegewebigen strukturen gefunden. Gemeinsam bilden Propriozeption und Nocizeption die Grundlage der Beschwerden unserer Patienten.

Bei den Mechanorezeptoren unterscheidet man verschiedene Messorgane. Jeder dieser ,,Klassen" von Sinnesorganen ist spezialisiert auf die Wahrnehmung einer ganz bestimmten Sinnesqualität und hat eine typische Lokalisation. Die Schmerzsensoren etwa finden sich exklusiv in bindegewebigen Häuten.
Auf Grund der Dichte und Präzision dieser Informationen aus den Sensoren wäre die Tiefenwahrnehmung des Menschen die ideale Grundlage der Diagnostik. Sie wird ja seit den Anfängen der Medizin als primär indikationsstellende Information genutzt. Warum nutzt man also die primär indikationsstellende Eigenwahrnehmung nicht für die Diagnose? Das Hindernis liegt darin, dass die körpereigene Wahrnehmung nur dem Kranken, nicht aber Anderen zur Verfügung steht. Bis dato liessen sich die Eindrücke der propriozeption und Nocizeption nur sehr unzureichend kommunizieren, was die Medizin zur Entwicklung von nicht propriozeptionsgestÜtzten Diagnoseverfahren (Radiologie, Labortests, Palpation) zwang.
Stephen P. Typaldos 1957-2006 entwickelte in den frühen 1990er Jahren ein rein propriozeptionsgestütztes und daher patientenzentriertes Diagnosekonzept. Er nannte es Fasziendistorsionsmodell. Durch aufmerksame Beobachtung seiner Patienten identifizierte er reproduzierbare Verhaltensmuster der Patienten, bei der Präsentation ihrer Beschwerden. Er stellte fest, dass Patienten mit gleichem Verhalten auch auf die gleiche Behandlung ansprachen. Primär definiert sich das beobachtete Verhalten als unbewusste Handbewegungen die die Patienten reproduzierbar als Hilfsmittel zur Kommunikation und Selbstbehandlung einsetzen. Diese Beobachtung machte die Postulation neuer Diagnosen eforderlich, da die reproduzierbaren Verhaltensmuster mit keinen bis dato verwendeten Diagnosen korrelierten. Typaldos ordnete den Verhaltensmustern 6 postulierte Fasziendistorsionen zu.

Bis heute ist die Interpretation der unbewussten Gestensprache der Patienten die Grundlage der Diagnostik aller, die nach dem Fasziendistorsionsmodell behandeln. 2011 konnte S. Anker in einer Video-basierten Studie die hohe ,,inter rater reliability" dieser visuellen Diagnostik zeigen.
Die unbewusste Körpersprache durch Gesten ist weltweit gleich. Nicht nur lassen sich die gleichen Diagnosen über die gleichen Gesten in vielen Ethnien finden, es sind auch die gleichen Behandlungstechniken erfolgreich. Dass diese Gesten offensichtlich unabhängig von lokalen Faktoren sind, deutet darauf hin, dass die unbewussten Gesten angeboren sind. Es bieten sich daher die Verfahren der Humanetologie an, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.