Osteopathie und die Faszien | Faszie - eine Matrix für Leben und Tod

Bericht vom 10. internationalen und interdisziplinären Kongress der OSD
(Osteopathie Schule Deutschland)

Quelle: Auszüge aus dem Bericht von Markus Nagel BSc, Osnabrück, Verband Osteopathie Schule Deutschland, Hamburg 12/2013, 1-3


Kaum ein anderes Thema scheint im Moment mehr Begeisterung in der osteopathischen Welt auszulösen als die Faszien und deren Behandlung. Daher ist es nur folgerichtig, dass die Osteopathie Schule Deutschland ihren 10. internationalen und interdisziplinären Kongress diesem Thema gewidmet hat. Dem Ruf nach Berlin folgten fast 30 Referenten und mehr als 800 Teilnehmer, Osteopathinnen und Osteopathen aus ganz Europa, den USA und Kanada. Der Kongress war im Voraus ausgebucht, die Warteliste lang.

Was ist das Faszinierende am Thema „Faszie“? Ist es die Idee, dass gerade A. T. Still in seinen Schriften immer wieder Bezug auf die Faszie als eine der wichtigsten Strukturen des menschlichen Körpers nimmt? Sind es die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 20 Jahre, die das Fasziengewebe in einen funktionellen Rahmen gebracht und damit versucht haben, die Wahrnehmung des Menschen zu erklären? Oder sind es letztlich praktische Anwendungen, die gerade für die Osteopathie interessant sind, da diese Struktur den primären Zugang für fast alle manuellen Anwendungen ermöglicht?

Nicht alles ist Faszie!, war ein vielgehörter Satz auf dem Kongress. Damit versuchten Redner und Dozenten der Euphorie etwas die Spitze zu nehmen. Trotzdem wurden für alle Interessengruppen neue und spannende Einsichten dargeboten.

Jane Stark (CDN), Autorin des Buches „Stills Concepts on Fascia“, präsentierte einen historischen Überblick über die Begriffe Faszie und Membran, die Still teilweise synonym verwendet hat. Stark verwies auf den systemischen und integrativen Charakter der Osteopathie, der gerade in der Faszie eine körperliche Entsprechung findet. Der Vortrag von Paolo Tozzi (I) beleuchtete anhand zahlreicher Studien die vielen Komponenten von Faszien, die in der osteopathischen Praxis eine Rolle spielen. Er zeigte die Komplexität der Diagnose und der Behandlung des Fasziengewebes.

Anhand von Präparat-Darstellungen erklärte Antonio Stecco (I) die komplexen Verhältnisse der Faszie und das Gleitverhalten der einzelnen Schichten zueinander. Er beschrieb die unterschiedliche Ausprägung von Propriozeptoren im Gewebe, das Problem des Verlustes der Gleitfähigkeit als Steifigkeit im Gewebe und die Hypothese, dass im Bereich von Verdichtungen Hyperstimulationsbereiche entstehen, die oft als schmerzauslösende Punkte beschrieben werden. Torsten Liem (D) ging in seinem Vortrag auf neue funktionelle Aspekte der faszialen Relationen der Dura im HWS-Bereich ein und bereicherte seine Beschreibung durch interessante therapeutische Aspekte.

Diesen anatomischen Betrachtungen stand der begeisternde Vortrag des Anatomen und Embryologen Jaap van der Wal (NL) entgegen, der sich vehement gegen eine anatomische Sezierung der Faszie wendet.
Für ihn ist die Faszie das Organ des Inneren. In dieser phänomenologischen Sichtweise forderte er, die Faszie in einer funktionellen Architektur zu denken. Er postulierte, dass die Anatomie das Denken zerstört. Aus embryologischer Sicht sei das Mesoderm, aus dem auch die Faszie entsteht, kein drittes Keimblatt, sondern eine Struktur, die eine innere Dimension schafft. Diese raumschaffende Struktur biete die Möglichkeit, Dinge zu verbinden oder zu teilen. Ähnliches war in den Bildern des Chirurgen Jean Claude Guimberteau (F) zu erkennen, der als Erster Bilder von „lebendiger“ Faszie mit einer endoskopisch geführten Kamera festhielt. Diese inzwischen weltweit bewunderten Aufnahmen zeigen die extrem unterschiedlichen Anordnungen von Gewebe, die sich je nach Beanspruchung in kürzester Zeit verändern.

Der Mediziner und Physiologe Pauls Standley (USA) hielt ebenfalls einen Vortrag.
Durch einen myofaszialen Release können so z.B. Muskelschmerz und Entzündungsprozesse reduziert und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Der Leiter des neurophysiologischen Labors an der Universität Ulm Werner Klingler (D) sprach über die Wirkung von Temperaturreizen auf das Fasziengewebe. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass Faszie und Muskulatur gegensätzlich auf Wärme reagieren. Eine Temperaturänderung kann z. B. die Enzymaktivität beeinflussen.

Der Biologe Robert Schleip (D) sprach in seinem Vortrag über die Tonizität der Faszie.

Tom Myers (USA) stellte sein Behandlungskonzept der Anatomy Trains vor. Auch für ihn ist der Mensch eine unteilbare Einheit, wobei es verschiedene fasziale Züge gibt. Durch, die je nach Ausprägung durch eine spezifische oder systemische Behandlung gelöst werden können.

Weitere Vorträge hielten der Intensivmediziner Georg Harrer (A) [> Hier Vortragszusammenfassung lesen], der amerikanische Arzt und Osteopath Stephen Typaldos und der Physiologe Jay Shah (USA).

An den Nachmittagen und am Sonntagvormittag fanden über 30 verschiedene Workshops statt. Neben den Vortragenden standen hierfür unter anderem Serge Paoletti (F), Rob Muts (NL), Christian Fossum (N), Michel Puylaert (D), Johnathan Parson (GB), Eyal Lederman (GB), Hauke Mommsen (D), Andrzej Pilat (E), Davide Bongiorno (I), Jean Marie Beuckels (B) und Maurice César (B) dafür bereit. Die Workshops boten eine vielfältige Vertiefung der Inhalte und immer wieder neue praktische Anwendungen im weiten Feld der Faszie.

 

Nächster Internationaler Kongress zum Thema:
"Fluida und Osteopathie",
Berlin: 05.12.-07.12.2014